Hintergründe

Wir finden es toll, dass sich so viele von uns solidarisieren und Menschen helfen wollen, die besonders von den Maßnahmen betroffen oder in einer Risikogruppe sind. Das ist nicht selbstverständlich und zeigt, wie viel eine solidarische Gemeinschaft leisten kann.

Es gibt verschiedene Formen des Helfens. Alle haben gleichermaßen ihre Berechtigung und Notwendigkeit. Ihr könnt z.B. Babysitten, via Videochat Kindern Schulstoff vermitteln oder Hunde ausführen. Ihr könnt außerdem mit älteren und/oder erkrankten Menschen telefonieren, ihnen Bücher oder Lebensmittel vorbei bringen und – wenn ihr gesund seid – Blut spenden gehen oder euch beispielsweise beim Gesundheitsamt oder der Tafel als freiwillige Helfer*innen melden.

Es gibt aber auch eine eher abstrakte Form von Hilfe, in dem ihr beispielsweise bewusst auf Hamsterkäufe verzichtet und Lebensmittel ggf. teilt, wenn diese wo anders knapp sind.

Aber nicht nur direkte Hilfe ist wichtig. Wir müssen uns auch kritisch mit der Situation auseinandersetzen und über unsere Rolle in der Gesellschaft nachdenken. Denn bei einer inhaltlichen Auseinandersetzung fängt wirklich solidarisches Handeln an! Nur wenn wir die Welt verstehen, können wir wirklich handeln und ein kollektives Konzept entwickeln, wie wir gemeinsam abseits von Verwertungslogik leben wollen.

Gerade Krisenzeiten bringen die Widersprüche einer Gesellschaft deutlich zum Vorschein:

Die Unterwerfung sämtlicher Lebensbereiche unter die Logik des Profites zeigt jetzt in neuer Schärfe ihre Irrsinnigkeit:

Das Gesundheitssystem wurde in den letzten Jahrzehnten kaputtgespart. Jetzt muss es mehr denn je leisten.

Wohnen, Strom, Wasser und Essen sind existenzielle Bedürfnisse, die sich nun noch mehr Menschen nicht leisten können, weil sie ihre oft prekären Jobs verlieren. Abgesehen davon, dass schon voher viele Menschen global aber auch lokal diese Bedürfnisse nicht erfüllen könnten, zeigt sich wieviele Menschen in unserer Gesellschaft überhaupt keine Sicherheiten haben.

Auch dadurch werden Menschen gerade gezwungen weiter arbeiten zu gehen und trotzdem ihre Kinder zu bespaßen und zu unterrichten.

Studierende und Auszubildende werden angehalten Prüfungen zu schreiben, obwohl sie vielleicht zuvorderst gerade schauen müssen, wie sie ihren Alltag strukturiert kriegen.

Und im Großen: Auf einmal wird offensichtlich, wieviele Berufe eigentlich gar nicht zwingend zum funktionierenden Alltag einer Gesellschaft wichtig sind – teilweise aber extrem hochgestellt sind. Auf der anderen Seite wieviele Menschen aber doch in Bereichen der Gesellschaft arbeiten (Lehrer*innen, Pflegekräfte, Bäuer*innen, etc.) die seit Jahren immer schlechter gestellt werden.

Solidarität heißt auch ein Gespräch darüber anzufangen, was in unserer Gesellschaft eigentlich wertgeschätzt wird.

Und Solidarität heißt auch darüber zu reden, in welcher Geschwindigkeit auch von Seiten der Regierenden und anderen Machtzentren der Gesellschaft es auf einmal möglich ist zu handeln, wenn ein Problem in der Gesellschaft auch als Solches erkannt wird.

Aber selbst das einfache Zu-Hause-bleiben kann für einige zu einem enormen Problem werden. Das zu Hause ist für die einen ein Ort, an dem sie sich wohl fühlen. Für einige ist es aber auch ein Ort, an dem sie von Familienangehörigen mit massiver psychischer und körperlicher Gewalt konfrontiert werden. Diese Bedrohung wird sich in Zukunft noch zuspitzen.

Wieder andere haben gar kein zu Hause, in das sie sich zurück ziehen können: Geflüchtete und Obdachlose sind den Gefahren der Ansteckung mit Corona durch das Leben in Lagern und auf der Straße besonders schutzlos ausgeliefert. Obdachlose, die auf kostenlose Essensausgaben, wie z.B. die der Tafeln, angewiesen sind, sind von rückläufigen Lebensmittelspenden der Supermärkte aufgrund von Hamsterkäufen besonders betroffen.

Aber nicht nur das sind Menschen, die die Folgen abseits der Öffentlichkeit besonders hart trifft. Grenzen werden weiter dicht gemacht. Menschen, die vor Krieg geflohen sind, werden jetzt an den Außengrenzen Europas in Lagern ohne medizinische Versorgung zurück gelassen.

Die Gesellschaft teilt sich noch weiter in ein „wir“ und „die“.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus eine tiefe ökonomische Krise auslösen werden. Schon jetzt steigen die Arbeitslosenzahlen und die Aktienkurse fallen in den Keller. Enorm schwierige Zeiten kommen auf uns alle zu. Gerade deshalb ist Solidarität unter einander nun wichtiger denn je. Trotz der Situation, die für keine*n leicht ist, ist es aber genau so wichtig einen Blick auf die Menschen zu richten, die ansonsten nicht gesehen und berücksichtigt werden. Daher ist es neben den direkten Angeboten unabdingbar darüber nachzudenken, wie Solidarität mit ihnen aussehen und wie ihnen Gehör verschafft werden kann.

Diese Auseinandersetzung geht nicht, ohne das gesellschaftliche Gefüge als Ganzes zu reflektieren. Das System in dem wir uns befinden, ist nämlich ein widersprüchliches. Und diese Widersprüchlichkeit wird gerade in Krisenzeiten besonders spürbar

Also lasst uns solidarisch sein, uns informieren und miteinander sprechen!